Erdogan und meine Freunde

Wie verschafft ihr euch einen Perspektivwechsel? Was macht euren persönlichen Standpunkt aus, weswegen ihr manche Dinge anders seht? Ist es Literatur? Besondere Freunde? Ein besonderer kultureller Hintergrund? Zufällige Erfahrungen? Ein Lehrer in der Schule oder eine Autoritätsperson, der ihr vertraut? Reisen vielleicht?

Mir ist es wichtig eine Verbindung zu haben mit den Themen, die mich beschäftigen. Andere Wissensquellen und Ansichten kennenzulernen ist meines Erachtens heute leichter als jemals zuvor. Viele Medien die früher nur schwer zugänglich waren stehen heute allen zur Verfügung, zum Beispiel Bücher. Eine der Eigenschaften, die ich an Literatur liebe, ist ihre Fähigkeit ein anderes Licht auf Dinge werfen zu können. Wer in einer Zeit oder einem Land aufgewachsen ist, in dem Sklaverei normal war, der kann unter Umständen gar nicht auf die Idee kommen zu hinterfragen, ob dieses Phänomen seiner Gesellschaft gerecht ist. Er macht sich gar keine Gedanken darüber. Aber liest er das richtige Buch zur richtigen Zeit, dann fängt er vielleicht an die richtigen Fragen zu stellen.

Zu dem Thema über das ich heute schreiben will, habe ich jedoch einen anderen persönlichen Zugang. Mein Glück ist es im Studium ein paar sehr gute Freunde gefunden zu haben, die auf mich einen ähnlichen Effekt haben wie oben beschrieben. Sie diskutieren sehr gerne, wie ich auch, und wir haben alle herrlich unterschiedliche Hintergründe, Zugänge und Geschichten. Natürlich sind wir uns in so manchem Punkt einig, sonst würde eine Freundschaft vielleicht schlecht funktionieren, aber Unterschiede lassen sich doch immer finden und strittige Punkte erfordern auch gelegentlich Toleranz, denn so gut wie nie lassen sich alle von der eigenen Meinung überzeugen.

In dieser Gruppe sind zwei Freundinnen, die einen türkischen Migrationshintergrund haben und sich auch stark mit der türkischen Politik und aktuellen Lage auseinander setzen. Da wäre zum einen Karima*, die in der Türkei aufgewachsen ist, dort auf eine deutsche Schule gegangen ist, ihr komplettes Leben dort verbracht hat, deren Familie dort lebt und arbeitet, ihre Wurzeln dort hat und für die die Türkei nicht weniger als Heimat bedeutet. Zum Studium ist sie 2014 schließlich nach Deutschland gekommen und lebt seitdem hier. Journalistin zu werden ist ein großer Wunsch von ihr und für diese Sparte schaut es zurzeit in Deutschland deutlich besser aus als in Türkei, was man trauriger weise anmerken muss.

Die zweite Freundin ist Selim*. Ihr Vater kommt aus der Türkei, aber sie ist im Gegensatz zu Karima in Deutschland aufgewachsen. Dennoch hat auch sie viele Verwandte in der Türkei und fühlt sich mindestens genauso sehr als Türkin, wie als Deutsche, wie ich in vielen langen Gesprächen den Eindruck bekommen habe.

Mit jeder Meldung von Erdogan und der Türkei in den letzten Monaten oder inzwischen vielleicht sogar schon den letzten paar Jahren, dachte ich immer auch an die beiden und wie sie die direkten Auswirkungen der Veränderungen spüren. Immer begleiteten mich und meine Kommilitonen ihre Erfahrungen, die wir interessiert aufnahmen.

Und ich bin bei weitem nicht der einzige dem es so geht. Für einen beträchtlichen Teil unseres Landes ist die türkische Kultur und die Beziehung zu diesem Land  Alltag geworden.

Gemeint ist damit gar nicht hauptsächlich, dass zu jeder Stadt inzwischen auch der eigene „beste Döner der Welt“ gehört. Wer übrigens den wirklich besten Döner essen will, der kann mir gerne eine Mail schreiben, also der bei uns daheim ist WIRKLICH unschlagbar…!

Nein, es geht nicht um Essen, sondern um Freunde und Familie. Deutschland ist durch die vielen Türken, die zum Arbeiten zu uns kamen, um sehr viele Menschen bereichert worden und ist meiner Meinung nach eng zusammen gewachsen mit der Türkei. Wenn auch nicht geographisch, so ist die Türkei doch kulturell für mich ein Nachbarland. Nach dem Verlassen der Heimat haben nun viele Menschen Schwierigkeiten sich durch ihre Nationalität zu definieren. Türke, Deutscher, Deutsch-Türke, Türkisch-Deutscher, 7/15 Deutscher – 8/15 Türke, das Zugehörigkeitsgefühl lässt sich nicht mehr nur auf ein Volk beschränken. Für mich bedeutet die Beziehung der Türken zu den Deutschen Integration. Es ist ein Prozess der lange dauert, über viele Generationen mehrere Stadien durchläuft, aber Menschen einander näher bringt und Freundschaften schafft. Ein rosarotes Bild der Integrationspolitik Deutschlands möchte ich hier aber nicht aufbauen. Das würde wahrhaftig nicht der Wahrheit entsprechen.

Dank Karima und Selim habe ich meinen eigenen Zugang gefunden zu diesem Land, zu der Kultur. Es entspricht zwar keinem wissenschaftlichen Ideal, man könnte mir Voreingenommenheit vorwerfen, aber ich glaube zumindest nicht blind Einstellungen übernommen zu haben, sondern mir eine eigene Meinung gebildet zu haben. Umso mehr beschäftigt mich, was in ihrer Heimat momentan geschieht. Die Demokratie scheint verloren zu gehen. Meinungsfreiheit und Pressefreiheit werden in enormem Maße eingeschränkt. Es regiert ein demokratisch gewählter Staatschef, der keine kritische Opposition duldet, grundlegende Freiheiten massiv einschränkt, und Minderheiten wie die Kurden unterdrückt. Dennoch regiert Erdogan demokratisch legitimiert und wird von einem sehr großen Teil der Bevölkerung unterstützt. Das darf nicht vergessen werden.

Es gibt Argumente die mich nachvollziehen lassen, warum er gewählt wird. Zu Beginn seiner Amtszeit zeigte er nämlich noch ein anderes Gesicht. Er war es, der den ersten Schritt zur Versöhnung mit den Kurden machte und dank seines zunächst wirtschaftsliberalen Kurses konnte sich die Türkei zu einem wirtschaftlich stark aufstrebenden Staat entwickeln. Er bewies vielen, dass sich Islam und wirtschaftlicher Aufschwung verbinden lassen.

Das ist aber längst Geschichte. Wirtschaftlich gesehen richtet er seine Bevölkerung mit seinem isolationistischen Kurs aktuell zugrunde. Er spaltet sein eigenes Volk mit seiner Politik in unversöhnliche Lager. Seine Strategie ist sich selbst als starker Leader zu präsentieren, der alleinig Schutz bieten kann. Doch dafür baut er sich Feinde auf, denen er sich mutig in den Weg stellen kann, wie er vorgibt. Die Wahrheit interessiert weniger Menschen. Sie zeigt einen Machtbesessenen, der sich selbst einen Palast gebaut hat, in den er sich zurückgezogen hat, seine Familie, Freunde und Verbündete auf die lukrativsten Posten des Landes setzt und so viel Geld wie möglich in den eigenen Taschen verschwinden lässt.

Macht korrumpiert! Wer an Sicherheit interessiert ist, der sollte sich für eine Politik entscheiden, die versöhnt statt zu spalten.

Die direkten Eindrücke, die ich bekommen habe, sind eine verängstigte Karima, deren Vater während dem Putsch nicht zuhause war und bei Freunden unterkommen musste, während die Familie nicht wusste wo er blieb. Berichte aus Selims Heimatbesuchen handeln von einer aufgeladenen Stimmung, der man sich kaum entziehen kann und in der türkische Flaggen das Stadtbild dominieren. Beinahe tägliche Demos und Gewaltausbrüche in der Zeit nach dem Putsch, sowie eine sehr präsente Polizei und ein ebenfalls präsentes Militär sind keine Einzelfälle.

Massen von möglichen Sympathisanten der Putschisten werden in Gefängnisse geworfen und von Erdogan nach eigenen Präferenzen ersetzt.

Kaum vorstellbar wäre es vor ein paar Jahren noch gewesen, dass die Regierung die sozialen Medien kurzfristig ausschaltet, um dadurch die Kommunikation zu verhindern, während sie Verhaftungen vornehmen. Für Karima macht sich das bemerkbar, in dem sie ihre Familie ein paar Stunden lang nicht mehr erreicht.

Der Kurswechsel, die ersten Attentate, der Türkei-Deal, der Putschversuch, die Einschränkung der Zeitungen durch Erdogan, die Verhaftungen, der Notstand, die öffentliche Gewalt, die Entlassungen von tausenden Beamten aus politischen Gründen, es ist wirklich kein angenehmes Szenario, dass sich Karima aus Deutschland aus anschauen muss. Ihre Heimat macht ihr Sorgen. Ihre Familie macht ihr Sorgen. Ich mache mir Sorgen. Die Vorkommnisse dort haben für mich eine andere Bedeutung als ein Brexit oder ein Präsident Trump. „Ich kann nicht wie zu England sagen: Selbst schuld, ihr werdet schon zurück gekrochen kommen zur EU. Seht jetzt mal was ihr davon habt.“ In der Türkei sterben Menschen, Angst wird vom Staat verbreitet.

Es sind auch persönliche Eindrücke, die diesen Beitrag prägen, also vielleicht nicht perfekt objektiv, aber trotzdem möchte ich dafür werben mit Menschen in den Dialog zu treten, die direkt betroffen sind von Themen, die uns beschäftigen. Einfühlen ist wichtig. Ich jedenfalls betrachte die Erzählungen von Selim und Karima als Bereicherung.

Wie bewertet ihr die Lage in der Türkei? Macht ihr euch auch Sorgen, oder seid ihr optimistischer als ich? Welche Perspektive habt ihr? Kommentiert, diskutiert!

*Namen geändert

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2 Kommentare zu „Erdogan und meine Freunde

  1. Lieber Policycounts, dieselben Gedanken mache ich mir auch. An was denken wir, wenn wir hören, dass politische Unruhen/ Attentate/ etc. dazu genutzt werden einen zunächst demokratisch gewählten Führer zu legitimieren, gefährliche „Notfallpläne“ auszuführen (Ausschaltung der Opposition, Unterdrückung von Minderheiten etc.) und ein Führerkult immer deutlicher wird… Mir dreht sich dabei der Magen um. Ein ähnliches Szenario kann in jedem Land stattfinden. Auch bei uns… Erdogan ist erst der Anfang.

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  2. Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.« .“ Diese Worte aus einem Gedicht rezitierte der heutige Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan bei einer Rede im Jahr 1998. als er noch Bürgermeister von Istanbul war.

    Sie beschreiben eine Strategie, die er seitdem konsequent verfolgt. Er verbündete sich mit Fettullah Gülen, um die Kemalisten erfolgreich zu infiltrieren. Nachdem er sein Ziel erreicht hatte, ließ er Gülen fallen und erklärte ihm zum Gegner. Auch der kurze Frieden, den er mit den Kurden schloss, folgte taktischen Überlegungen. Letztlich verbündete sich Erdogan mit dem IS gegen die syrischen Kurden und lieferte ihm Waffen, was die Recherchen von Chan Dündar beweisen. Lange verwehrte Erdogan den Amerikanern die Luftwaffenbasis Incirlik für den Einsatz gegen den IS.

    Noch vor dem Putschversuch begann Erdogan, Gerichtsbarkeit und Polizei mit eigenen Leuten zu unterwandern. Der Prozess der Entdemokratisierung der Türkei begann schon lange vor 2015 und endet nun mit der Auflösung demokratischer Strukturen, der Verfolgung Andersdenkender und der Beseitigung der Pressefreiheit.

    Der Verdacht, dass Erdogan eine neo-osmanische Diktatur errichten will wurde durch sein Verhalten im Irak und Syrien erhärtet, letztlich durch sein in Frage stellen des Vertrags von Lausanne bestätigt. Sein Verhalten als Beitrittskandidat der EU zeigt, dass die EU nur ein nützliches Instrument in seinem strategischen Kalkül ist. Die Beitrittskriterien sind ihm egal, und die Diskussion um griechischen Inseln sind nichts anderes als eine unverhohlene Drohung.

    Dies in aller Kürze und Unvollständigkeit, soll diese Antwort nur ein Hinweis sein, dass Erdogan sich nicht plötzlich geändert hat.

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