Bildung – Was macht der Staat mit seinen Kindern?

Deutschland ist ein hochentwickeltes Land mit dem weltweit bekannten Ruf des Landes der Dichter, Denker, Ingenieure und Erfinder. Das ist vielleicht das Beste, was unser Land vorweisen kann und der Grund warum es uns so viel besser geht als anderen Ländern. Doch hat die Regierung das erkannt und setzt die Bildung unserer Jugend als höchstes Gut auf die politische Agenda?

 

Ich möchte gleich von Anfang an klarstellen, dass die Bildungspolitik für mich mit Abstand der wichtigste Bereich der Politik ist. Wenn ein Staat seine Bürger nicht mit der Möglichkeit einer guten Bildung ausstattet, dann ist es für mich ein schlechter Staat. Wenn er für eine gute Bildung seiner Bürger sorgt, dann hat er zumindest schon mal sehr viel richtig gemacht.
Aus diesem Grund wird so wie in meinem letzten Eintrag auch dieses Mal das Thema wohl ein wiederkehrendes sein, dass ich unter anderen Aspekten in Zukunft noch weiterhin behandeln will. Heute möchte ich erst mal eine Grundlage schaffen. Wo stehen wir in Deutschland? Wie gut ist unser Bildungssystem?
Eine einfache Antwort darauf habe ich wie meistens nicht, und mehr als ein Bauchgefühl, das nicht mehr Berechtigung hat als jedes andere Bauchgefühl auch, würde ich mir grundsätzlich nicht zugestehen. Wer behält schon Zahlen im Kopf und unterscheidet dabei genau zwischen Bildungs-, Forschungs- und Wissenschaftsausgaben? Die nötige Datengrundlage habe ich mir also im Internet durch zwei frei verfügbare Dokumente geholt:

 

https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/BildungForschungKultur/BildungKulturFinanzen/Bildungsfinanzbericht.html;jsessionid=D4F7ECE6E2E233F1619B21D90482CEA4.cae3

 

www.oecd.org/edu/country note Germany (DE).pdf

 

Es handelt sich dabei zum einen um den Bildungsfinanzbericht 2015 vom Statistischen Bundesamt, sowie dem Länderüberblick über Deutschland im Bereich Bildung von der OECD. Wer die OECD nicht kennt: Das ist eine internationale Organisation mit Sitz in Paris. 35 Staaten, die sich für Demokratie und Marktwirtschaft aussprechen, machen mit und es geht dabei um wirtschaftliche Zusammenarbeit. Man kann sagen, dass es sich um die reichen und fortschrittlichen Länder handelt.
Bevor ich auswerte möchte ich noch klarstellen, dass das hier keine wissenschaftliche Arbeit ist. Das wäre sonst viel zu langweilig zu lesen und ich bräuchte auch viel mehr Zeit und Aufwand. Wem meine Daten nicht reichen, der ist herzlich dazu eingeladen genauere Analysen in die Kommentare zu schreiben, ich freue mich darüber!
Wie steht es also jetzt? Ein paar Zahlen können vielleicht helfen. Wir haben 2012 (neuere Daten sind eher wenig umfangreich zu finden) 215,9 Mrd. € für Bildung, Forschung und Wissenschaft ausgegeben, davon 181,4 Mrd. € für Bildung und davon 143,4 Mrd. € durch die öffentliche Hand, wobei auch die Förderung durch Unternehmen zu großen Teilen durch Steuerminderungen refinanziert wird.
Alles klar also, Deutschland packt massiv Geld in die Hand für seine Bildung! Leider nicht ganz so einfach, denn wie viel Mühe die Regierung sich gibt, muss an den relativen Ausgaben, zum Beispiel gemessen am BIP (Bruttoinlandsprodukt), berechnet werden. Da unterscheiden sich nun die Zahlen leicht. Es hängt nämlich davon ab welche der vielen verschiedenen Förderungen man zur Bildung dazu zählt und welche eher anderen Bereichen. Das statistische Bundesamt geht von einem Anteil der öffentlichen und privaten Bildungsausgaben 2012 am BIP von 6,6 % und öffentlichen Ausgaben von 4,1% aus. Die OECD rechnet mit 5,3% für die öffentlichen und privaten Ausgaben. Der Durchschnitt der OECD Länder liegt bei 6,2%. Laut OECD liegt Deutschland also deutlich unter dem Durschnitt für hoch entwickelte Länder. Deutschland gibt weniger Geld aus als die anderen Staaten. Und ich muss sagen, selbst wenn es knapp über dem Durchschnitt liegen würde, wären mir 6,6% unseres Geldes zu wenig.
Man muss sich dessen bewusst werden, dass man den Staat mit diesem Anteil an Ausgaben für Bildung, nicht mehr wirklich als Kernleistung das Bauen von Straßen und Schulen zuschreiben kann. Denn laut OECD machen zumindest die Schulen nur ungefähr 1/20 seiner Leistung aus. Weitere Aspekte kommen hinzu.
Der Anteil der Studienanfänger eines längeren, theoretischen Studiums liegt bei 42%. 30% schließen diesen ab. Das liegt deutlich unter den Werten der OECD (62% / 39%). Wir werden also in Zukunft weniger Akademiker haben als andere Länder.
Außerdem ist die Entwicklung der Bildungsabschlüsse in Deutschland traurig bis angsteinflößend. Während in den OECD Ländern 37% der jungen Erwachsenen einen höheren Bildungsstand erreichen als ihre Eltern und nur 13% niedrigere Abschlüsse erreichen, also eine deutliche Akademisierung zu erkennen ist, ist in Deutschland das Gegenteil momentan der Fall. Lediglich 20% schaffen einen höheren Abschluss als den der Eltern, während 22% mit einem niedrigeren Abschluss zufrieden sein müssen. Wir werden also nicht nur weniger Akademiker haben als die anderen Länder, sondern auch etwas weniger als früher.

 

bildungsmobilitatAus dem Bericht der OECD

 

In vielen Bereichen der Finanzierung lassen sich Aufwärtstrends erkennen, allerdings meist nur gering und dabei auch nicht im Verhältnis zu anderen Staaten, sondern zu der eigenen Vergangenheit. Eine Stagnation des Anteils der öffentlichen Bildungsausgaben muss jedoch klar attestiert werden, denn dieser lag schon 2010 bei 4,1% des BIP, wo er 2014 noch immer liegt.

Alles in allem frage ich mich, ob Deutschland hier nicht gerade seine Zukunft vergisst. Wo bleibt die wirtschaftsliberale FDP, die sonst so gerne den internationalen Wettkampf beschwört? Wir verlieren ihn gerade bei unserer Bildung! Sie müsste ausnahmsweise mehr staatliche Förderung fordern, damit wir konkurrenzfähig bleiben. Kinder sind die Zukunft heißt es immer. Soweit geht jeder Politiker mit. Aber wenn es darum geht ihnen mehr Geld zur Verfügung zu stellen, dann verweisen sie schnell auf ihre absoluten Zahlen in Milliardenhöhe und heucheln Kindernähe. Wo bleibt der politische Diskurs, die Demonstrationen, die fordern: „10% für unsere Kinder!“

Alle bildungspolitischen Debatten, die ich immer höre, drehen sich um das „Wie“. Ich frage: „Wieviel?“.
Wie viel ist uns die Zukunft unserer Kinder und Enkel wert, wieviel der Fortschritt und der mündige Umgang einer bewusst lebenden und intelligent aufgeklärten Gesellschaft in 30, 40, 50 Jahren? Für die wirtschaftlich denkenden Leser, die weniger von abstrakten Werten halten und dafür mehr von Erfolg, lässt sich doch eins ganz klar festhalten: Bildung ist die nachhaltigste Wirtschaftsinvestition die es gibt.

Für die Ursachen, dass diese Tatsachen nicht berücksichtigt werden in Deutschland, gibt es mehrere Ansätze. Die einen unterstellen einen bösen Willen das Volk dumm halten zu wollen. Davon halte ich wenig. Viel wahrscheinlicher ist es doch, dass die Langfristigkeit, die ja eigentlich das Tolle an der Bildungspolitik ist, die Ursache für ihre Vernachlässigung ist. Die Politik scheint sich auf kurzfristige Lösungen spezialisiert zu haben. Es werden Probleme gelöst, die akut vorliegen. So wie eine Finanzkrise, Bankenkrise, Flüchtlingskrise. Die Politiker werden zu Rettern, Machern oder eben zu Aussitzern. Doch aussitzen heißt eben nicht langfristig vorzusorgen, sondern steht vielmehr für ein stoisches Nichtstun oder jedenfalls nur oberflächliches Schein-regieren. So wird zum Beispiel eine Flüchtlingskrise ausgehalten und mit einer puren Floskel abgetan, anstatt Geld in die Hand zu nehmen und Mechanismen zu schaffen, die langfristig dafür Sorgen als Gemeinschaft vorbereitet zu sein. Auch ein Einfluss der Digitalisierung und unseres Medienkonsums hat bestimmt einen Anteil daran. Viel zu oft wird nur noch über verkürzte Twitter Nachrichten und zur Sekunde im Trend liegende Ansichten berichtet. Es ist fast schon ironisch, dass sich die Beschwerden über „Mainstream-Medien“ und „Pinocchio-Presse“ eben auf Facebook und Twitter äußern, die doch mit ihrer Veränderung unserer Kommunikation einen Beitrag zu der Oberflächlichkeit zurzeit leisten.

Abschließend möchte ich noch einmal auf die Bildungspolitik zurückkommen. Sie reiht sich also für mich ein in eine Liste gemeinsam mit der Globalisierung und dem Klimawandel. Es scheinen Fragen dieser Art zu sein, die uns heute Probleme machen. Herausforderungen die sich über lange Zeit stellen und die schlecht geeignet sind um Wahlen zu gewinnen, oder zumindest so von der Politik behandelt werden. Viele andere Fragen zur Bildung habe ich jedoch noch nicht gestellt. Ein „Wie“ ist nämlich ebenfalls ein hervorragender Ansatz, doch vor dem „Wie“ stelle ich eine Forderung: „Mehr“ Bildung!

Wie seht ihr meinen Standpunkt?
Was für Erfahrung habt ihr in eurem Alltag mit unserem Bildungssystem gemacht?
Fändet ihr mehr Geld für das Bildungssystem auch notwendig oder seid ihr zufrieden?
Teilt ihr meine Diagnose, was die möglichen politischen Ursachen angeht, oder was haltet ihr für den Grund?

 

Ich freue mich über eure Kommentare!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s