Sag du mir was du arbeitest und ich sage dir ob deine Kinder das Abitur schaffen oder nicht! Die Wahrscheinlichkeit ist zumindest ziemlich groß dass ich richtig liege, denn Chanchengleichheit ist längst ein verlorenes Ideal Deutschlands.

Erneut habe ich mich zu einem Artikel über das Bildungssystem Deutschlands inspirieren lassen, diesmal von einem Hinweis eines Freundes auf den Blog des Journalisten Björn Stephan. Die Bilder, auch das Beitragsbild das ich gewählt habe, stammen von Timm Köln, der diese für den gleichen Artikel aufgenommen hat. Ihre Arbeit wurde mit dem Reporterpreis 2016 ausgezeichnet.

http://www.bjoernstephan.de/

Klassenunterschiede – von Björn Stephan

Zwei Reporter vom SZ-Magazin begleiten über ein Jahr hinweg zwei erste Klassen aus zwei verschiedenen Schulen aus Berlin. Soweit die simple Idee hinter ihrem Vorgehen. Bei den Schulen handelt es sich zum einen um die Reinhardswaldschule, deren Schüler einen ndH-Anteil von 40,5% haben, und zum anderen um die Nydahl-Schule mit einem ndH-Anteil von 99,5%. Der ndH-Anteil bezeichnet den Anteil von Schülern mit nichtdeutscher Herkunftssprache. Wie beide Reporter selbst sagen, gibt es „nur einen wesentlichen Unterschied zwischen diesen beiden ersten Klassen: die soziale Herkunft der Kinder“.

Was macht es in Deutschland aus, dass die Kinder, die hier aufwachsen, zuhause eine andere Sprache sprechen? Welche Konsequenzen hat es für ein Kind in Deutschland heutzutage, wenn die Eltern keinen hohen Bildungsabschluss vorweisen können?

Die Beobachtungen der beiden Journalisten sind eindrücklich und zeigen auf einfühlsame Weise, dass hier ein ungleiches Rennen stattzufinden scheint. „Es fängt schon beim Fluchen an.“ So beginnt der Artikel. Aufhören tut es dort aber leider nicht. Wenn schon die Sprache sich so krass unterscheidet, dann liegt der Verdacht nahe, dass ein breiter Graben zwischen den verschiedenen Schulen liegen muss.

„Schon nach sieben Wochen Schulzeit haben sich die Erstklässler der Reinhardswaldschule einen uneinholbaren Vorsprung erarbeitet: […] Sie können all das, was die Kinder der Nydahl-Schule noch lernen müssen. Ihr Vorsprung wächst mit jedem Tag.“

Was Björn Stephan beobachtet hat ist kein Einzelfall, sondern kann als gängig betrachtet werden. In den Grundschulen zeigt sich sehr klar anhand einer Aufspaltung auf verschiedene Schulen, dass die Bedingungen im Grunde nie für alle gleich waren. So klagen Schulleiter über andere Schulen, die ihnen die „guten Kinder“ wegnehmen. Dieser Zustand ist eher ein krasser Missstand. Wenn Schulleiter oder Lehrer schon von kleineren oder größeren Chancen von Schülern ausgehen, noch bevor diese die Schule betreten haben, dann ist das nur anzuprangern.

„In Deutschland erreichen Kinder mit Migrationshintergrund dreimal seltener das Abitur als ihre Mitschüler und verlassen die Schule mehr als doppelt so häufig ohne Abschluss.“  Ich denke Studenten kennen das, wenn man in einer Studentenstadt lebt und dort fast ausschließlich andere Studenten kennt. Man geht nur zu Veranstaltungen, die bei Studenten beliebt sind. Man hat seinen eigenen Tagesrhythmus. Es gibt Studentencafés. Man fühlt sich aufgehoben unter seinesgleichen und vergisst dabei manchmal, dass man in einer Parallelgesellschaft lebt. Man kommt im Alltag schon nur noch sehr wenig in Kontakt mit Menschen außerhalb des eigenen Milieus. Auch wenn das Phänomen nicht genau das gleiche ist, bleint der Zusammenhang jedoch deutlich. Ich kann diesen Artikel auf jeden Fall nur jedem empfehlen, der sich für Bildung und ihre Vermittlung interessiert.

Mein Interesse war aber noch nicht gestillt, sondern erst wirklich geweckt. Wie groß sind die Unterschiede wirklich und was passiert im weiteren Verlauf des Bildungssystems? Um meine Fragen zu klären, habe ich mir weitere Quellen gesucht:

http://www.bpb.de/apuz/29445/bildung-und-herkunft?p=all
Jutta Allmendinger, Rita Nikolai (2006)

 

Geißler, Rainer: Die Illusion der Chancengleichheit im Bildungssystem – von PISA gestört; ZSE (2004)

 

https://www.studentenwerke.de/de/content/20-sozialerhebung-des%C2%A0deutschen-studentenwerks
BMBF, 2012

Der Artikel der bpb und der Essay von Rainer Geißler, einem der bekanntesten deutschen Soziologen und Spezialisten auf dem Gebiet der sozialen Ungleichheit, sind beide schon älteren Datums, während die Erhebung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung auf dem neuesten Stand ist. Einen kleinen Vergleich über den dazwischen liegenden Zeitraum hinweg, werde ich an den Schluss meines Artikels setzen. Doch zunächst ist die Frage, wie sah es denn vor zehn Jahren ungefähr aus?

Im tertiären Bildungsbereich, also allem was nach dem Abitur oder einem vergleichbaren Abschluss folgt, sind die Verhältnisse schon sehr eindeutig festgelegt. In dem Zeitraum von 1982 bis 2003 stieg der Anteil der Studierenden aus der höchsten sozialen Schicht von 17% auf 37%, während umgekehrt der Anteil aus der untersten Schicht von 23% auf 12% gesunken ist. Die Tendenz der Kinder aus Arbeiterfamilien nicht mehr eine Universität zu besuchen hat somit deutlich zugenommen. Die Bildungsungleichheit ist eindeutig gestiegen.

Es gibt zwar eine Verbesserung der Ergebnisse bei Tests wie PISA. Diese sind aber zum größten Teil auf die Gymnasien zurück zu führen. Bei den Real- und Hauptschulen kommt diese Entwicklung nicht an. Es gibt sogar einen Messwert von PISA, den ESCS, der die Familienstruktur, die Bildungsabschlüsse und die Berufstätigkeit der Eltern mit der mathematischen Fähigkeit der Kinder in Verbindung bringt. Deutschland liegt hierbei hinter Ungarn und Belgien auf dem dritten Platz. Das bedeutet die drittgrößte Abhängig der Bildung von der sozialen Herkunft unter allen OECD Ländern.

2003 begannen nur 12% der Jugendlichen aus ärmeren Familien ein Studium, während dies bei 80% der Jugendlichen aus reichen Haushalten der Fall ist. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass das Hochschulsystem in Deutschland weitgehend steuerfinanziert wird, also überwiegend von genau der unteren bis mittleren Einkommensgruppe, die am geringsten davon profitiert. Es ist somit noch nicht einmal überspitzt formuliert zu sagen, dass die Armen die Bildung der Reichen bezahlen und davon selbst benachteiligt werden.

Hier die Gerechtigkeit durch eine private Finanzierung oder Studiengebühren zu suchen, kann nur als ignorant bezeichnet werden, denn dies würde die Bildungsschere noch viel weiter auseinander treiben. Wir müssen stattdessen feststellen, dass ein gerechteres Bildungssystem nicht nur auf Grund unseres Ideals der Chancengleichheit unumgänglich ist, sondern eben auch weil die, die dafür zahlen, im Gegenzug verdienen daran teilzuhaben.

Ich möchte dem noch zwei Gedanken von Geißler hinzufügen. Keineswegs soll hier gefordert werden, dass es in der Schule Extrapunkte für Flüchtlingskinder gibt, oder etwas derartiges. Nur für den Fall, dass jemand befürchtet ich würde Minderheiten überhöhen. Vielmehr ist es so, dass nicht nur die Leistung in der Schule bestimmt, wer das Gymnasium besucht und wer Real- oder Hauptschule. Die Empfehlungen der Grundschullehrer für ein Gymnasium ist deutlich schwerer zu bekommen, wenn der Vater kein Abitur hat, als wenn er ein Abitur hat. Die Fakten zeigen nach Geißler, dass das Kind des Vaters ohne Abitur um 50% höhere Leistungen erbringen muss als das Kind des Vaters mit Abitur. Wer sich davor scheut Änderungen zu fordern, sollte sich dieser Ungerechtigkeit bewusst werden.

Zudem ist die Forderung nach Chancengleichheit aus rein wirtschaftlicher Sicht dringend notwendig. Ich bringe dieses Argument meistens nicht an erster Stelle, weil mir andere Gründe als wichtiger erscheinen, aber für manche Leser spielt die Wirtschaftlichkeit verständlicherweise eine große Rolle. Deutschland verliert Geld dadurch, dass es zu wenig Geld ausgibt. Klingt paradox, macht aber Sinn.

Bildung ist das Sparbuch unter den Staatsausgaben. Nichts ist so nachhaltig, wie Geld in Bildung zu investieren und wir holen momentan bei weitem nicht das volle Bildungspotential unserer Kinder ab. Maßnahmen, die das Potential der Kinder aus ärmerer Herkunft nutzbar machen würden, ergäben einen Aufschwung bei allen Testergebnissen für Schüler und würden uns um eine neue gebildete und interessierte Schicht in Deutschland bereichern.

Das war die Bilanz vor über zehn Jahren. Wer alles bisher Geschriebene für einen alten Hut hält, der hat Recht. Das leugne ich nicht mal. Nicht nur einer der führenden Soziologen hat das alles bereits bemerkt gehabt, sondern auch die Bundesregierung, auf die ich mich schließlich mit der Quelle der bpb beziehe. Demensprechend gehe ich also davon aus, dass dieses zentrale Problem unseres Bildungssystems behandelt wurde. Unsere Regierung, unsere Kanzlerin werden wohl die Lage verbessert haben und dies wird sich dann in den Statistiken aus dem Jahr 2012 wohl bemerkbar machen. Also schauen wir mal.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung erfasst unter anderem auch die Entwicklung des Bildungshintergrundes der Studierenden in Deutschland vom Zeitraum 1991 – 2012. Hieran lässt sich sehr gut ein langfristiger Trend ablesen: Es herrscht weiterhin eine Akademisierung  des Bildungshintergrundes. Es gibt einen Höheren Anteil an Studierenden aus akademischem Elternhaus, sowie einen geringeren Anteil an Studierenden aus nicht-akademischem Elternhaus. 1991 hatten noch nur 12% der Studierenden zwei Eltern mit Hochschulabschluss, 2012 sind es 22%. Aus Familien wo maximal ein Elternteil einen nichtakademischen Berufsabschluss hat, kamen 1991 noch 21%, während es 2012 nur noch 9% sind.

Was ist also der Grund, dass sich nichts getan hat? Ich glaube nicht, dass es zu schwer zu korrigieren ist, denn das Geld und die Lehrkräfte wären da. Der Missstand der Bildungsungleichheit wird einfach nicht als Problem gesehen. Es kann nur so sein, dass es akzeptiert wird, wenn es „gute“ und „schlechte“ Kinder gibt, schon bevor diese einen Fuß in eine Schule gesetzt haben. Schon nach der Geburt haben Kinder in Deutschland eben bessere oder schlechtere Chancen mal das Abi oder den Bachelor zu schaffen. Von einem Doktortitel will ich gar nicht reden, denn da fällt die Statistik noch gravierender aus. Der Grund ist nicht, was sie können und ob sie intelligent sind, sondern die Arbeit der Eltern, wie viel Geld diese verdienen und wie viele Bücher sie gelesen haben.

Findet ihr das gerecht?
Wie wichtig ist euch dieses Thema?
Oder stimmt ihr mir bei dem einen oder anderen Punkt nicht zu?
Ich freue mich über eure Kommentare!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s