Die berühmte Universität Sorbonne! Was steckt hinter dem großen Ruf der traditionsreichsten Universität Frankreichs?

Ich möchte diese Woche ein paar Erfahrungswerte teilen, mit jedem der sich dafür interessiert. Ich befinde mich momentan in meinem ERASMUS Studium der Philosophie in Paris an der renommierten Sorbonne Universität, die zu den traditionsreichsten Universitäten der Welt zählt und das älteste Universitätszentrum Frankreichs ist. Ich kann lediglich für meinen Studiengang und meine Universität sprechen, aber vielleicht sind die Erfahrungen an anderen französischen Bildungseinrichtungen ja ähnlich.

Zunächst einmal möchte ich das System ERASMUS loben. Ich halte es für eine der größten Errungenschaften Europas und der so oft kritisierten EU. Die Möglichkeit junger Menschen andere Länder kennen zu lernen und außerhalb seiner Heimat einem anderen Alltag zu begegnen ist unglaublich wertvoll. Diese Horizonterweiterung fördert das ERASMUS-Programm sehr effektiv, indem es die Anrechnung der Seminare aus anderen Bildungseinrichtungen vereinfacht. Ich empfehle jedem uneingeschränkt diese Gelegenheit wahrzunehmen, um zu sehen, was anders gemacht werden kann an anderen akademischen Einrichtungen. Es verhilft einem selbst zu einem viel reflektierterem Verhältnis, dem eigenen Bildungssystem gegenüber.

So hat auch mich zunächst die Frage beschäftigt was an der neuen Universität denn anders sein wird. Wie sich herausstellte, hat sich jedoch weit mehr geändert als gleich geblieben ist. Viele Kleinigkeiten, die für mich bisher Gewohnheit waren, können wie sich heraus gestellt hat auch komplett anders sein. Einiges nehmen wir nicht bewusst wahr und hinterfragen es nicht. Meistens handelt es sich jedoch um Kleinigkeiten, die nicht sonderlich erwähnenswert sind. Einiges hat mir jedoch in der neuen Umgebung zu denken gegeben.

Die Philosophie, für mich eine große Leidenschaft, wenn auch nicht mein eigentliches Spezialgebiet, hat sich mir während meines Studiums immer als zuverlässige Ergänzung gezeigt. Ich habe sie kennen gelernt als Quelle anregender Diskussionen, wie auch genauen Hinterfragens tiefgreifender Sachverhalte. Meistens konnten wir in Seminaren, aufbauend auf Inhalten der Vorlesungen, in Zusammenarbeit mit Professoren die exakten Inhalte wichtiger Werke erarbeiten. Immer hatte ich dabei das Gefühl zu lernen, was nicht nur in vergangenen Jahrhunderten von Bedeutung war, sondern zeitlos gilt und des Bedenkens wert ist. Was die behandelten Autoren betrifft, änderte sich daran in Frankreich weniger als ich anfangs gehofft hatte. Statt auf eine Vielzahl an Veranstaltungen über französischen Existentialismus à la Jean-Paul Sartre oder aufklärerischen Texten Voltairs aus der Zeit der großen französischen Revolution zu stoßen, erwarteten mich mit Hegel, Schopenhauer, Kant und Nietzsche dieselben Namen, die mir schon aus deutschen Vorlesungssälen bekannt waren. Auch die große Bedeutung der deutschen Philosophen wird einem so recht erst im Ausland bewusst.

Nicht die Autoren, dafür aber die Art des Studierens, sowie der Präsentationsstil und die Form der Prüfungen hätten unerwarteter nicht ausfallen können. Die Art der Präsentation beschreibt am eindrücklichsten den Geist, der die Säle der Sorbonne beherrscht. Während deutsche Professoren sich gemächlich, aber wohlwollend, an moderne Techniken wie PowerPoint anpassten, scheinen ihre französischen Kollegen sich strikt zu weigern. Vor-Lesung wird wörtlich genommen. Es existiert ein Skript, das jedoch nie von den Augen der Studenten erfasst werden wird. Dieses Skript wird vorgelesen und wer nicht mitkommt, der hat nun mal wichtige Punkte verpasst. Toleranz wird hier auch den ausländischen Studenten nicht gewährt, die somit wenig Chancen haben per Vorlesung den Inhalt zu begreifen. Das gleiche Schauspiel wird in den Übungen zur Vorlesung geboten, die meist für die Präsentation weiterführender Inhalte genutzt werden. Nacharbeit auf Basis der Mitschriften französischer Kommilitonen bleibt als einzige Option sich für die Prüfungen vorzubereiten. Diese unattraktive Art des Präsentierens schlägt ihre Wellen unter den Studenten, denn in gleicher Weise werden von ihnen ihre Referate erwartet. Kein einziges der Referate, die ich bisher gehört habe, hätte in Deutschland eine gute Note bedeutet, allein wegen der Art der Präsentation. Gelegentlich trauen sich manche sogar von ihrem Laptop vor der Klasse abzulesen. Die Kunst sich die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zu sichern lernt so wohl niemand und nur wenige Professoren bilden hier eine Ausnahme, im Gegenzug spielt es für meine Kommilitonen hier aber auch keine Rolle mehr, ob ein Thema attraktiv präsentiert wird. Sie haben sich antrainiert auch bei langweiligen, monotonen Vorträgen exakt zuzuhören. Das inhaltliche Niveau und die philosophische Tiefe stehen Deutschland in nichts nach und auch die Belesenheit, Intelligenz und Kompetenz der Professoren ist nicht zu bemängeln.

Zur Präsentation des Inhalts kommt jedoch noch seine Nachprüfung hinzu, die nach deutschen Maßstäben unkonventionell scheint. In meiner Heimatuni sind wissenschaftliche Hausarbeiten während den Semesterferien oder exakte Wissenstests die Regel, in denen anhand mehrerer genauer Fragen das Wissen über behandelte Texte erfragt wird. Demgegenüber stehen in Frankreich Aufsätze wie aus dem Deutschunterricht. Es gibt in etwa drei unterschiedliche Typen, die jeder nach einem exakt festgelegten Schema abzuliefern sind und in denen spontan im Unterricht philosophische Argumentationen aufgebaut werden müssen, die ein allgemeines Thema möglichst umfassend erfassen sollen. Arbeitsanweisungen bestehen dann zum Teil aus drei Wörtern, wie: „Demokratie und Gleichheit“. Jede seriöse Behandlung eines solchen Themas ist selbstverständlich in der kurzen Zeit nicht möglich, da selbst für Doktorarbeiten solche Themen zu weit gesteckt sind. Wissenschaftliches Arbeiten kommt meistens erst im Master als Kompetenz hinzu und genaue Wissenstests bilden die Ausnahme.

Sowohl an den Präsentationsstil, als auch an die Art der Prüfungen, passt sich natürlich das Verhalten der Studenten an. Denn so viel ist klar, weniger wird von ihnen nicht verlangt, als von deutschen Studenten. Vorlesungen werden daher von einem steten Rattern der Tastaturen begleitet, das die Studenten erzeugen, die allesamt versuchen kein Wort des Professors undokumentiert zu lassen. Der diskutierende rebellische Student verkommt so zum sturen Sekretär. Unerwünschte Zwischenfragen erlaubt sich kaum jemand. Bemerkenswert ist, dass nicht in Stichpunkten, sondern in Fließtext notiert wird, was ich noch immer für unsinnig halte. Das Lernen beschränkt sich meist darauf möglichst genau Inhalte auswendig und in Form von Argumentationen aufschreiben zu können, die dann in der Prüfung als der gewünschte Aufsatz abgespult werden. Die Methodologie der Aufsätze wird schon seit der Vorbereitung auf das Abitur verinnerlicht und ist jedem bestens bekannt.

Für uns ausländische Studenten bleibt nur die Rücksichtnahme als Verzicht der Korrektur der Rechtschreibung, sowie eine gnädigere Benotung, die zwar selten gute Noten zulässt, aber zumindest meist vor dem Durchfallen bewahrt. Persönlich gefällt mir wenig an diesem System, doch als schlechter kann ich es schwer bezeichnen, da die hohen Anforderungen den Studenten viel abverlangen und ihren vollen Einsatz fordern. Die Hilfestellungen der Dozenten sind fast nicht vorhanden und dabei habe ich hier die zahlreichen Mängel des administrativen Bereiches noch nicht aufgezählt. Dabei werden aber andere Kompetenzen gefördert, als bei uns. Statt der Kompetenz des attraktiven Präsentierens steht die Fähigkeit der Konzentration unter allen Bedingungen im Zentrum. Das wissenschaftliche Arbeiten wird zunächst hinten angestellt um sicher zu gehen, dass die Studenten der Philosophie auch in kürzerer Zeit fähig sind komplexe Argumentationsstrukturen aufzubauen und komplexe Themen abzustecken. Das Leistungsniveau der Studenten der Sorbonne ist sicherlich mindestens gleichwertig mit dem der deutschen Universitäten und es ist wohl deutlich mehr Stress damit verbunden. Einbilden dürfen sich also die Studenten aus Deutschland nichts auf ihre Methodik. Gleichzeitig höre ich aber nicht auf mich zu fragen was es ändert, wenn man die Philosophie auf so andere Art und Weise bearbeitet. Ich hoffe meine Erfahrungen konnten euer Interesse für das Ausland wecken und ich möchte abschließend noch einmal anmerken, dass ich nicht davon ausgehe, dass die selben Erfahrungen auf alle Universitäten und Studiengänge zutreffen.

Was denkt ihr was am Ende das Studium in Deutschland von dem in Frankreich unterscheidet?
Habt ihr vielleicht ähnliche oder ganz andere Erfahrungen gemacht?
Ich freue mich über alle eure Kommentare!

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