Hierüber wird in der Präsidentschaftswahl wirklich entschieden! Ich frage mich: Was ist die Zukunft der verlorenen Kinder? Warum haben die Menschen in Banlieues wie St. Denis so eine Wut auf alles? Warum sind sie ausgeschlossen, und wie fühlt sich das an?

Ein Biest lebt in deinem Haus
du schließt es ein, es bricht aus
das gleiche Spiel jeden Tag
vom Laufstall bis ins Grab
-Peter Fox

Du lebst in Paris, aber das Stadtzentrum kennst du nicht. Es gibt „Dein Paris“ und das der anderen, die Weltstadt, die Metropole. Dein Paris hat andere Gebäude, andere Läden, andere Klamotten, das Französisch ist anders und deine Hobbies und Interessen würden die Menschen der Innenstadt wohl auch schnell langweilen. Kein Tourist besichtigt dein Paris. Die einzigen Zeugen der anderen Welt sind die Polizisten, die sich nur schwer bewaffnet in dein Paris trauen. Alles was du von dem anderen Paris mitbekommst ist Aggression, Stigmatisierung und Ausschluss.

http://www.arte.tv/fr/videos/073399-037-A/arte-regards

https://de.wikipedia.org/wiki/Hass_(Film)

Viel wurde im Zusammenhang mit Terror in Frankreich berichtet über die Vorstädte (Banlieues) von Paris. Es existieren etliche Dokumentationen, eine davon habe ich hier hinzugefügt. Aber auch ein sehr empfehlenswerter Film entstand über die Situation in den Vorstädten. Jahr der Entstehung: 1995. Die Probleme sind bekannt, sowie auch einige Lösungsansätze, nur es geschieht nichts. Die sozialistische Regierung Francois Hollands schaffte es nicht die bestehenden Probleme zu vermindern, wie es bisher bei jeder Regierung der Fall war. Es ist die  drängendste Krise Frankreichs, über 10 Mio. Menschen leben in der Umgebung von Paris, ungefähr ein Sechstel der Bevölkerung. Zwar haben die Menschen dort ein Dach überm Kopf und verhungern nicht, aber trotzdem weiß jeder von ihnen, dass sie Teil einer abgehängten Gesellschaft sind. Es gibt Fußballplätze und Schulen, doch das Abitur (bac in Frankreich) ist weniger Wert, wenn man es nicht an der richtigen Schule macht. Ein Job im Zentrum, oder ein Platz an den Eliteuniversitäten ist selbst mit einem guten Abitur, an einer Schule in St. Denis beispielsweise, nicht erreichbar.

Die Chancenungleichheit ist die größte Ungerechtigkeit, die es in Frankreich gibt. Sie produziert die Wut der Vorstädter und nimmt ihnen die Hoffnung erreichen zu können, was andere erreichen können. Das Versprechen der Markwirtschaft ist, dass Erfolg nur auf harter Arbeit und sinnvoller, produktiver Anstrengung basiert. So umgesetzt richtet sich Marktwirtschaft gegen Benachteiligung von Ausländern, anderen Religionen, andere politische Einstellungen, andere sexuelle Einstellung und generell gegen alle Arten der Diskriminierung von Minderheiten. Die Chancengleichheit schafft die Egalität, die einer der Grundsätze Frankreichs ist. Für die Bewohner der Banlieues aber, ist es genau diese Markwirtschaft, die der Ursprung aller Diskriminierung ist und durch die sie ausgeschlossen werden. Und sie haben Recht. Die Vorstädte sind nichts anderes als die räumliche Umsetzung der Ausgrenzung. Mit ihnen wird eine Outgroup geschaffen, die man ausschließen kann. Es geht nicht um ihren Migrationshintergrund, nein, der Grund warum jemand mit einer bestimmten Adresse nicht für ein Bewerbungsgespräch eingeladen wird, ist die fehlende Bildung aufgrund der schlechten örtlichen Infrastruktur. Struktureller Rassismus ist ein Begriff, der dieses Phänomen sehr gut beschreibt.

Ich lese momentan eine Roman von Hans Fallada: „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“. Es geht darin um einen kleinen Ganoven der selbstverschuldet durch eine Straftat ins Gefängnis kommt und nach seiner Entlassung nicht mehr zurück findet in den bürgerlichen Alltag. Der Ausschluss aus der Gesellschaft und seine kleinen täglichen Unannehmlichkeiten werden beschrieben und zeigen wie sich diese depressive, unterdrückte Situation anfühlt. Mit seiner Ächtung gehen auch fast zwingend die finanzielle Abhängigkeit und das Leben in Armut einher. Es bleibt ein hoffnungsloses Leben in schlechten Bedingungen ohne eine Chance in Aussicht. Jedes Mal wenn es doch so scheint, dass es möglich wäre sich ein besseres Leben zu erarbeiten, holt ihn seine kriminelle Vergangenheit wieder ein. Die Geschichte spielt im Hamburg der Weimarer Republik und ihre Nähe zu heutigen Phänomenen hat mich verblüfft und berührt. Wie die Hauptperson Willi Kufalt, muss es in mancher Hinsicht auch einem Jugendlichen in einem Pariser Banlieue heute gehen, nur dass er unschuldig ist an seinem Ausschluss aus der Gesellschaft. In meinem Buch geht es um die Frage der zweiten Chance, während die Realität oft schon die erste Chance verweigert. Über das elitäre Bildungswesen müssen wir in Wirklichkeit sprechen, wenn wir uns für die französischen Wahlen interessieren, denn Bildungsgleichheit an allen Orten und in allen Schichten ist heute nur noch ein Traum, von dem Frankreich im besten Fall Jahre entfernt ist. Wenn aber fast die Hälfte der Bewohner der gefährlichen Vorstädte unter 30 ist, dann entscheidet sich die Zukunft in der Gegenwart. Wenn der nächste Präsident es nicht schafft die Bildungsungleichheit zu vermindern, dann wir der Terror von 2016 und 2017 nur ein Vorgeschmack gewesen sein auf das was noch kommt.

Das gleiche Spiel aber, das sich jeden Tag wieder und wieder abspielt, sind die Polizeikontrollen, die eskalierende Gewalt. Die Akkumulation der Ohnmacht in der Ausgrenzung schlägt sich hier nieder, wenn verdachtsfreie Kontrollen ausgeweitet werden bis zur Schikane. Der Job des Polizisten ist zusammen mit dem des Soldaten der undankbarste, den ich mir vorstellen kann. Jeden Tag sehen sie das weiße, reiche Zentrum und die ausländischen Problembezirke. Sie stehen in der Konfliktzone, wo es ständig zur Gewalt kommt, und sie mit Recht Angst um ihr Leben haben. Die letzten Anschläge von Paris richteten sich zusätzlich fast ausschließlich gegen patrouillierende Polizisten oder Soldaten. Ein gewalttätiger Alltag, der den Eindruck krimineller Ausländer verstärkt und verfestigt, führt schließlich häufig dazu, dass Polizisten Ressentiments entwickeln. Schließlich werden vor Ort Mediatoren benötigt, die zwischen beiden Seiten vermitteln und häufig kommt es zu ungerechtfertigter Gewalt gegen über Migranten. Das trifft selbstverständlich bei weitem nicht auf alle Polizisten zu, aber dennoch sollte Fehlverhalten von Polizisten nicht geleugnet werden. So wird momentan das letzte Vertrauen in staatliche Gerechtigkeit zerstört, dass der ausgeschlossenen Unterschicht noch erhalten geblieben war.

Mein persönlicher Zugang zu diesem Thema und auch der Grund meines großen Interesses ist, dass ich zumindest eingeschränkt persönlich mit den Banlieues in Kontakt komme. Ich wohne momentan im 18. Arrondissement im Norden von Paris, direkt an der Grenze zu St. Denis. Ich bin zwar noch in der Innenstadt, aber gleichzeitig trennt mich von dem Vorort, aus dem eine große Zahl der Attentäter kommt, nur die Schnellstraße, die die Innenstadt umgibt, also 50 Meter. Richtung Süden bin ich zu Fuß in 10 Minuten in Montmartre, dem ruhigen Künstlerhügel mit der Basilika Sacre-Coeur, wo früher Renoir, van Gogh, Monet oder Picasso lebten. 10 Minuten in Richtung Norden bin ich mitten in St. Denis, wo es nachts wirklich gefährlich werden kann. Ein Nachbar von mir wurde erst diesen Winter zusammengeschlagen, als er einen Freund dort besuchen wollte und eine Gruppe Jugendlicher ihn abends auf der Straße attackierte, es ist schockierend. Ich spüre täglich in der Metro und auf der Straße wie nahe zwei so verschiedene Welten zusammen liegen können. Es ist ein Eindruck, den man als Tourist in Paris nicht bekommt und den sogar viele Pariser sehr gut ausblenden können. Sie wissen, dass es diese andere Welt gibt, das zweite Gesicht von Paris, aber es ist nun Mal nicht ihre Welt und daran etwas zu ändern glauben die meisten nicht. Die Informationen sind es nicht, die uns fehlen, jeder weiß Bescheid. Es scheint nur jeder Angst davor zu haben, dass die Lösung dieses Problems auch etwas kosten wird.

Die politische Antwort wird im zweiten Wahlgang fallen. Macron wird von vielen als Kapitalist gesehen, der nichts verbessern wird an den sozialen Missständen. Den Aufschwung, den er verspricht, davon wird der Großteil der Menschen nicht profitieren. So sehen es viele. Seine Politik scheint sich eher an die jungen und Reichen des Landes zu richten und Frankreich als Ganzes stärken zu wollen. Eine direkte Antwort auf die Probleme liefert LePen. Sie sieht die Banlieues als Problem, das in Zukunft die Sicherheit des ganzen Landes gefährden könnte. Wenn es doch wirklich die Ausländer sind, die die Probleme machen, dann muss es in Zukunft weniger von ihnen geben, um eine bessere Situation zu schaffen. Tatsächlich liegt die Wahrscheinlichkeit der Ausländer zur Kriminalität in Frankreich, und auch in Deutschland, wie die Kriminalstatistik vor kurzem zeigte, höher als beim Rest der Gesellschaft. Es fällt leicht, den Grund der Kriminalität im Migrationshintergrund zu suchen. Andere Werte werden als Ursache gesehen, die Religion als prinzipiell menschenrechtsverletzend oder die Kultur als brutaler und nicht aufgeklärt dargestellt. Der katastrophale Fehler, die Ursache ihres Rassismus ist, dass sie nicht versteht, dass die wahre Ursache die Perspektivlosigkeit ist, die Frankreich und Europa diesen Menschen aufgezwungen haben und die Lösung ausschließlich in einer besseren Integration unserer Mitmenschen in unsere Gesellschaft liegt. Wenn wir den Migranten keine Arbeit mit Aufstiegschancen geben, ihren Kindern nicht dieselbe Bildung wie unseren Kindern ermöglichen, in denselben Schulen, mit denselben Lehrern, dann werden unsere Versäumnisse noch früh genug auf uns zurückfallen. Das ist die Lehre der Flüchtlingskrise, des Treibhauseffektes, der wirtschaftlichen Globalisierung.

Alternativlos, so fühlt sich die Wahl für viele Franzosen an. Wer bei den Armen nicht LePen gewählt hat, hat oft für Melenchon gestimmt. Resignation beschreibt die Stimmung nun am besten. Sie trauern dem Einzigen nach, der vermutlich die Probleme der Banlieues als das begreift was sie sind, allerdings selbst Angst bekommt für dieser Globalisierung und nicht den Mut hatte für eine europäische Antwort. Vor einer Wahl zwischen Pest und Cholera sieht sich Frankreich, ausgenommen der Anhänger der beiden Spitzenkandidaten. Besser beschrieben ist die Wahl wohl als zwischen zwei Ärzten, die beide nicht das Heilmittel für die Krankheit haben, die die starken Arme des Landes lähmt. Während die eine beide Armen amputieren will, konzentriert sich der andere auf die gesunden Beine. Ich würde mir von dieser Verrückten jedenfalls nichts amputieren lassen. Den Banlieues wird aber wohl auch Macron nicht viel helfen, die Jugend dort bleibt in ihrem Laufrad gefangen, bis ins Grab.

Warum ist die Lage der Banlieues, wie sie ist?
Werden wir eine Lösung finden und wenn ja, wie schaut die aus?
Dieses Gefühl ausgeschlossen zu sein aus der Gesellschaft, wo ist es euch schon Mal begegnet?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s