Vor 72 Jahren und zwei Tage nach der Befreiung aus der schlimmsten Hölle auf Erden – dem Konzentrationslager Auschwitz. Ein Artikel über den Umgang mit dieser Vergangenheit, ihre große Bedeutung und die endgültige Disqualifikation der AfD als Partei.

Donald Trump hat heute das Einreiseverbot für Menschen aus Somalia, Iran, Irak, Syrien, Sudan, Lybien und Jemen verkündet. Es ist eine dämliche isolationistische Entscheidung ohne Weitblick und zeugt einfach für die Unfähigkeit komplexe Zusammenhänge zu erkennen. Darüber werde ich heute nicht weiter schreiben. Ein anderes Thema bedarf ebenfalls Aufmerksamkeit.

Der Umgang mit der Vergangenheit ist in Deutschland anders als in anderen Ländern, weil seine Vergangenheit anders ist. Die Vernichtungslager des Nationalsozialismus und seine Absicht eine ethnische Gruppe möglichst vollständig auszurotten, bilden den barbarischsten Tiefpunkt der menschlichen Geschichte. Wir leben heute in einem Deutschland, das sich von dem Deutschland dieser Zeit kaum größer unterscheiden könnte. Den unvorstellbar unmenschlichen Taten unter der Herrschaft der Nazis gedenken wir und bestätigen damit jedes Mal unsere Abgrenzung von jeglichen Tendenzen des Rassismus und der politischen Benachteiligung einer bestimmten ethnischen oder religiösen Gruppe. Die Erinnerung in welches Loch man moralisch fallen kann, wenn man sich von der Unantastbarkeit der menschlichen Würde für alle verabschiedet, ist für mich vielleicht der wichtigste Teil unseres Landes. Die Erinnerung ist Ausdruck des Wunsches in einem Staat zu leben, in dem diese Taten nicht mehr möglich sind. Ich ziehe daraus den stärksten identitätsstiftenden Faktor unseres Landes.

Als Schüler hielt ich es für unmöglich, beim Anblick der Leichenberge nicht ein inneres Versprechen an sich selbst zu geben, dafür zu sorgen, dass etwas derartiges nie wieder passieren darf. Die Bilder zeigten mir die traurigste Brutalität die ich jemals sah und gaben mir gleichzeitig das Gefühl durch dieses Material, die Bilder und Augenzeugenberichte, die Macht zu haben Auschwitz nie wieder passieren zu lassen. Ein späterer Besuch in Yad Vashem, dem größten Holocaust Denkmal der Welt in Israel vertiefte meine Eindrücke. Ich war fest überzeugt, dass unsere Erinnerung das beste Mittel gegen eine Wiederholung dieser Verbrechen ist und habe bei meinen Mitschülern die gleichen Gefühle gesehen. Ich bleibe davon überzeugt und betrachte diese positive Wirkung der nüchternen Dokumentation als Fakt.

Umso erschütternder sind Äußerungen der AfD. Nicht mehr alle scheinen meine Meinung zu teilen. Ein paar Zitate möchte ich hier aus einem Artikel der 4. Ausgabe des Spiegels diesen Jahres zitieren und sie beantworten. Sie stammen von einer Vorrede zu einem Auftritt von Björn Höcke, die von Jens Maier geäußert worden, einem AfD-Bundestagskandidaten und Zivilrichter.

„Ich erkläre hiermit den Schuldkult für beendet, für endgültig beendet!“
Herr Maier scheint von Größenwahn befallen, sonst fällt mir kein Grund ein wie er auf die Idee kommt unsere Erinnerung für beendet erklären zu können. Schuldkult ist zudem eine Wortneuschöpfung die zeigt, dass er wohl nicht verstanden hat worum es bei der Erinnerung an den Holocaust geht. Niemand würde der heutigen Generation die Schuld geben für etwas, das vor ihrer Zeit geschehen ist. Es wäre Absurd. Die Schuld der Nazis damals abzustreiten wäre noch absurder und zudem widerwärtig.

Er spricht außerdem von „dämlicher Bewältigungspolitik“, sieht den Bombenangriff auf Dresden als Versuch „unsere kollektive Identität zu rauben“ und hält die Entnazifizierung für ein Mittel „unsere Wurzel zu roden“.
Mehrere Sachen stören mich hier. Zunächst verstehe ich nicht, wie man die zerstörenden Bombenangriffe auf Dresden nicht endlich als Resultat des Krieges sehen kann, der allein von Nazideutschland verursacht wurde. Wenn ihm die zerstörten Gebäude wirklich leidtun, dann sollte er den wahren Grund dafür nennen, nämlich Hitler und seine Gefolgschaft. Mich persönlich lässt die Zerstörung bei weitem nicht kalt, sondern schürt nur noch größeren Hass gegen die kriegstreiberische Propaganda von damals. Es war das Schlimmste was sie ihrem eigenen Land antun konnten. Außerdem scheint Herr Maier die Nazis als seine Wurzeln zu sehen. Davon distanziere ich mich so weit wie möglich.

Die Entwicklung, dass solche Äußerungen Gehör finden und in einem vollen Saal auf Applaus stoßen, stimmt mich nachdenklich und ein wenig ängstlich. „Nie wieder Auschwitz“ ist eine der wichtigsten Formeln der Geschichte. Ein erster Holocaust war bereits kaum auszuhalten. Eine zweite Katastrophe ähnlichen Ausmaßes möchte ich mir nicht ausmalen. Wer es in Betracht gezogen hat die AfD zu wählen, der sollte sich ihrer extremen Positionen bewusst sein. Die Spitze der Partei distanziert sich regelmäßig von Höcke und den Äußerungen seines rechten, rechten Flügels. Sie bemühen sich um ein Image der konservativen Volkspartei. Dennoch wird der rechte Rand geduldet und fleißig ehemalige NPD Anhänger für sich geworden. Die Realität der Partei beinhaltet eben auch Extreme wie Maier und Höcke. Niemand kann mehr sagen, dass er das nicht gewusst hat. Darum geht es mir.

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4 Kommentare zu „Die nationale Identität der schonungslosen Erinnerung

  1. ja, ich dachte auch als schüler, als ich zum ersten mal die bilder der leichenberge und der gaskammern gesehen habe, dass es ein unumstösslicher und absolut sicherer konsens der gesellschaft sei, dass derartiges niemals wieder passieren dürfe. ja sogar, dass wir niemals wieder auch nur in die nähe eines solchen gedankengutes kommen dürften.

    die „ewig gestrigen“ waren für mich eine minderheit, die sich schon noch bekehren lassen wird. wie sehr ich da viel zu optimistisch war, das erschüttert mich heute. feindbilder, hetze, übergriffe, lebensgefahr für minderheiten, alles das geht wieder. und je mehr es zur massenbewegung wird, umso ratloser frage ich mich, wie eine gesellschaft sich hier nachhaltig schützen kann.

    bildung ist sicher ein faktor. und soziale gerechtigkeit.

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    1. Danke für deinen Kommentar und die Bestätigung! Ich sehe das ganz genauso. Haben wir vielleicht nicht klar genug gemacht wo die Grenzen der Meinungsfreiheit liegen? Optimal war die Aufarbeitung der Nazizeit bestimmt nicht. Und beendet ist sie ebenfalls noch lange nicht. Bildung und soziale Gerechtigkeit sind bestimmt Mittel gegen diesen Hass in unserer Gesellschaft, aber der kommt leider in allen Schichten und Milieus vor. Ein Verbot der NPD mit einer klaren Unterstützung aller Parteien im Bundestag hätte ich persönlich als starkes Zeichen gegen Rechtspopulismus verstanden. Hier wurde vielleicht erneut eine Chance verpasst den Leuten klar zu zeigen was in einer Demokratie geht und was nicht. Oder was meinst du?

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  2. Du meinst also, gerade weil Deutschland Auschwitz begangen hätte, wäre das identitätsstftend, deswegen zu trauern und zu erinnern? Und wenn die Nazis Deinem Land das Schlimmste angetan haben, willst Du Deinem Land nun das Beste tun? Du schaffst es, gegen die Nazis zu sein und dennoch Nationalist?

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